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Neue
Bundesländer: HighTech-Operation nach Identifit-Verfahren
revolutioniert den Hüftgelenksersatz
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bis 10 Jahre mußten Patienten mit Hüftgelenksverschleiß in der
ehemaligen DDR auf eine Operation warten. Diese Verschleppung
der erforderlichen Behandlung führte häufig zu schweren, gelenkzerstörenden
Veränderungen der Hüftgelenke, die heute in vielen Fällen eine
normale operative Versorgung mit Gelenkprothesen "von der
Stange" unmöglich machen.
Um
die in den neuen Bundesländern auf dem Gebiet des operativen Hüftersatzes
erschütternde Mangelversorgung der vergangenen zwei Jahrzehnte
wenigstens teilweise auszugleichen, wurde von der Firma
DePuy Orthopädie GmbH (einer Tocherfirma von Boehringer Mannheim)
in Eisenberg/Thüringen eine in Deutschland noch kaum eingesetzte
Technologie vorgestellt, die in Zukunft vermehrt beim Hüftgelenksersatz
(TEP) Anwendung finden wird. Während bisher individuell angepaßte
Prothesen des Oberschenkelkopfes mit Hilfe von Röntgenaufnahmen
- also ohne Detailkenntnisse der tatsächlichen anatomischen Gegebenheiten
- vor der geplanten Operation bestellt und angefertigt werden
mußten, ermöglicht das "Identifit-Verfahren" während
der Operation eine individuelle Fertigung der Hüftprothese. Dabei
wird eine schnell aushärtende Kunststoffgußform des vorbereiteten
Knochenmarkraumes angefertigt. Diese kann innerhalb weniger Minuten
außerhalb der Operationsräume von einem Laserabtaster millimetergenau
ausgemessen werden. Die im Computer aufbereiteten Daten werden
an eine CNC-Fräseinheit übermittelt, die die Titanprothese
innerhalb von nur 35 bis40 Minuten automatisch herstellt.
Kritische Parameter wie Halslänge des Oberschenkelknochens
und die Winkelung zwischen Knochen und Knochenhals sind im übrigen
vom Chirurgen am Computer frei wählbar.
Dank
der seit vielen Jahren flächendeckenden Versorgung mit entsprechenden
Operationsmöglichkeiten ist in den alten Bundesländern eine individuelle
prae- oder intraoperative Anfertigung der Femurkopfprothese nur
in etwa 10 Prozent der Fälle erforderlich. Im Gegensatz dazu muß
in den neuen Bundesländern aufgrund der Versäumnisse der Vergangenheit
eine kostenintensivere Maßanfertigung der Hüftgelenksprothesen
in mindestens 20 Prozent der Fälle in Erwägung gezogen werden.
Erklärt wird diese erstaunliche Differenz von sachkundigen Ärzten
mit dem im Westen kaum bekannten Umstand, daß zu DDR-Zeiten im
Regelfall - unter anderem aufgrund des chronischen Devisenmangels
- fünf bis zehn Jahre ins Land zogen, ehe eine ärztlich
verordnete Hüftgelenksersatz schließlich tatsächlich durchgeführt
werden konnte. Besonders die aus dem Westen importierten zementlosen
Prothesen waren streng kontingentiert und wurden den entsprechend
spezialisierten Krankenhäusern - darunter auch die orthopädische
Abteilung der Klinik Eisenberg, Thüringen - von der Gesundheitsbürokratie
zugeteilt.
Dementsprechend
sehen sich die Orthopäden in den neuen Bundesländern heute einer
erstaunlich hohen Zahl schwerster degenerativer Mißbildungen der
verschlissenen Hüftgelenke konfrontiert. In diesen Fällen
verspricht nur noch eine individuell angefertigte Prothese einen
optimalen Operationserfolg. Bislang wurde in diesen Fällen eine
Prothese vor der Operation aufgrund von Röntgenaufnahmen
hergestellt. In manchen Fällen war das Ergebnis dieser aufwendigen
Bemühungen allerdings unbefriedigend, da selbst sorgfältig und
technisch perfekt angefertigte Röntgenaufnahmen die anatomischen
Feinheiten nur unvollständig wiedergaben. Eine wissenschaftliche
Analyse von 800 Oberschenkelknochen-Hohlraumformen hatte in der
Vergangenheit gezeigt, daß der Durchmesser der den Prothesenschaft
aufnehmenden Markhöhle am oberen Ende der Markhöhle zwischen 12
und 54 mm und am unteren Ende zwischen 4 und 18 mm schwanken kann. Hier
muß der Chirurg daher bei der Verwendung von Prothesen "von
der Stange" häufig operationstechnische Kompromisse eingehen,
die die Langzeitergebnisse der Totalendoprothesen der Hüfte
negativ beeinflussen können und die außerdem im Einzelfall eine
individuelle Vorhersage des Operationserfolges unmöglich
machen.
Die
vor einigen Wochen in Eisenberg übergebene Identifit-Einheit wird
dem Rudolf-Elle-Krankenhauses ein Jahr lang kostenlos zur
Verfügung gestellt. Das erforderliche Investitionsvolumen beträgt
inklusive der Bezahlung der beiden Techniker 1.5 Millionen Mark.
An der zur Universität Jena gehörenden orthopädischen Abteilung
werden derzeit unter der Leitung von Professor Dr. R. Venbrocks
pro Jahr etwa 800 TEP-Operationen der Hüfte durchgeführt. Unter
anderem ist diese hohe OP-Frequenz der Grund dafür, daß die Identifit-Anlage
in Eisenberg und nicht an einem bekannteren medizinischen
Zentrum aufgestellt wurde - in einem Bundesland also, in
dem die Versorgung der Bevölkerung in Bezug auf den Hüftersatz
in der Vergangenheit extrem unbefriedigend war.
Das
Identifit System wurde Mitte der achtziger Jahre an der
Universität Leuven von Professor Dr. J. C. Mulier entwickelt,
dessen Ziel die Optimierung der Totalendoprothese-Operationstechnik
war. Seit 1987 wurden weltweit bereits mehr als 2.000 derartige
Operationen durchgeführt. In Europa sind mittlerweile fünf Identifit-Anlagen
im Einsatz. Das in Eisenberg eingeführte Verfahren ermöglicht
- im Gegensatz zu den anderen Technologien - die intraoperative
Fertigung der individuell angepaßten Prothese, die genau mit den
Konturen der von lockerer Knochenmaße gesäuberten Markhöhle übereinstimmt.
Das neue Verfahren läßt sich mit jedem der heute üblichen Operationsverfahren
kombinieren, so daß sich die Chirurgen nicht umstellen müssen.Sonderwünsche
des Operateurs wie besondere Kontaktpunkte zwischen Prothese und
Knochenpunkten oder des Einsatzes einer zusätzlichen variierenden
Zementschicht können von der Software abgefragt und berücksichtigt
werden.
Die
Belastung des operierten Beines ist aufgrund der sehr guten Paßform
der Prothese schon am Tag nach der Operation möglich. Daraus resultieren
extrem kurze Krankenhausliegezeiten. Da eine Identifit-Prothese
aber mit 7.000 DM etwa doppelt so teuer wie eine Standardprothese
ist, muß die Indikation - trotz dieses Einsparungspotentials
sehr sorgfältig gestellt werden. Der Einsatz sollte nach Meinung
von Professor Venbrocks immer dann ins Auge gefaßt werden, wenn
sich im Röntgenbild schwere anatomische Veränderungen des zu operierenden
Hüftgelenks abzeichnen. In diesen Fällen muß der Operateur nämlich
erfahrungsgemäß damit rechnen, daß in manchen Fällen selbst
die heute aufgrund der Röntgenbilder vor der Operation angefertigten
Prothesen schließlich doch nicht optimal passen.
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