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Startschuss für die
Transplantation von Schweineorganen auf den Menschen ?
von Dr. med. Jochen
Kubitschek
Zwei Forschungsteams konnten
jetzt in den USA für die Organtransplantation geeignete Schweine
züchten, denen eines von zwei Genen fehlt, die für die schwerste
Form der Organabstoßung verantwortlich sind.
Der Mangel an Spenderorganen führt seit vielen Jahren dazu, dass
zwischen 10 und 40% der Kandidaten für eine Organtransplantation
sterben, bevor sie beispielsweise ein neues Spenderherz
erhalten konnten. In den USA trifft die beispielsweise pro Jahr
auf etwa 5.000 Kranke zu, die auf der Warteliste für Organtransplantationen
(insgesamt 80.000 Personen) stehen. Schon bald soll dieser „Tod
auf der Warteliste“ der Vergangenheit angehören: bereits
innerhalb eines Jahres sollen erstmalig Organe von gentechnisch
vorbehandelten Schweinen zur Verfügung stehen, die sich für die
Transplantation auf herz- oder nierenkranke Patienten eignen.
Doch werden diese Organe auch zum praktischen Einsatz kommen?
Dies ist zumindest fraglich, da die Organabstoßung nur eines der
Probleme ist, die sich bei der Xenotransplantation – der Transplantation
von Spenderorganen, die nicht von Menschen stammen - ergeben
könnten.
Dieser seit Jahren mit Ungeduld erwartete Forschungserfolg soll
nun zumindest theoretisch möglich werden, da es in den USA nahezu
gleichzeitig zwei Wissenschaftlerteams gelungen ist, das erste
von zwei Genen aus der Erbmasse von Schweinen zu entfernen, die
für die schwerste - und am wenigsten zu beherrschende Form der
Gewebsabstoßung verantwortlich sind.
Sowohl bei dem Unternehmen PPL
Therapeutics, als auch an der
Universität von Missiuri-Columbia wurden vor wenigen Tagen Ferkel geboren,
denen das GGTA 1
Gen fehlt. Die Forscher gehen optimistisch
davon aus, dass es innerhalb der kommenden 12 Monate möglich sein
wird, auch das zweite für die Gewebsabstoßung verantwortliche
Gen auszuschalten und so „doppelte Knockout Schweine“ zu schaffen.
Kritiker warnen aber vor zu großem Optimismus: auch wenn die Schweineorgane
eines nicht mehr allzu fernen Tages nicht mehr vom menschlichen
Empfängerorganismus abgestoßen werden, sind nicht alle drohenden
Gefahren beseitigt. Sie fürchten, dass mit den Spenderorganen
Viren übertragen werden könnten, die sich - wie im Fall des AIDS-Virus
- explosionsartig in der ungeschützten menschlichen Bevölkerung
ausbreiten könnten.
Außerdem zeigen die Erfahrungen der Vergangenheit, dass die geklonten
Tiere oft vorzeitig altern oder gar schwere Organmissbildungen
haben und frühzeitig sterben.
Mehrmals war in den vergangenen zehn Jahren auch von seriösen
Wissenschaftlern vorausgesagt worden, dass die Einführung der
Xenotransplantationen unmittelbar bevorsteht. Doch jedes mal folgte
dann doch ein Rückzieher. Die drohenden Gefahren ließen sich einfach
nicht unter den Teppich kehren. Doch die Xenotransplantation bleibt
nach wie vor der einzige denkbare Weg, um das Problem fehlender
Spenderorgane in den Griff zu bekommen.
Als Arthur Gay 1993 im Alter von 56 Jahren an Krebs starb,
war er gerade ins Guinness Buch der Rekorde aufgenommen
worden: zwanzig Jahre und sechs Monate hatte der aus Temple
Hills, Maryland, USA, stammende Postbote mit einem fremden
Herzen gelebt. Unter anderem hat auch sein Schicksal in der Öffentlichkeit
dazu beigetragen den falschen Eindruck zu erwecken als sei das
Problem der Herztransplantationen ein für alle Male gelöst.
Doch die Wirklichkeit sieht bekanntlich anders aus. Allein in
Großbritannien warten etwa 6.000 Menschen auf ein Spenderherz
- in den U.S.A. sind es gar 30.000. Nur etwa die Hälfte
dieser akut vom Tode bedrohten Menschen hat erfahrungsgemäß eine
realistische Chance eines der wenigen zur Verfügung stehenden
Spenderherzen zu erhalten.
In
Europa müssen die bei Eurotransplant für eine Herztransplantation
angemeldeten Kandidaten im Schnitt auf ein Spenderherz rund eineinhalb
Jahre warten. Kein Wunder, dass viele der körperlich geschwächten,
kaum mehr belastbaren Patienten innerhalb weniger Wochen nach
der Registrierung bei Eurotransplant sterben.
Das angesehene Wissenschaftsmagazin Nature Medicine berichtete
schon vor Jahren, dass am Papworth Hospital in Cambridgeshire
wahrscheinlich schon für 1996 geplant war, das erste gentechnisch
veränderte Schweineherz auf einen herzkranken Menschen zu übertragen.
Möglich wurde diese Hoffnung durch die erfolgreichen Bemühungen
der Firma Imutran Ltd, Cambridge, deren Wissenschaftlern
mit Unterstützung des Pharmaunternehmens Novartis daran
arbeiteten, das Problem der Organabstoßung unter Kontrolle zu
bringen.
Auf einem Treffen der Royal Society of Medicine berichtete
David White, Forschungsleiter bei Imutran, dass
zwei von zehn mit einem gentechnologisch vorbehandelten Schweineherzen
lebende Affen die Operation bereits länger als 60 Tage überlebt
hatten. Ohne den gentechnologischen Eingriff versagten die
Herzen bei Kontrolltieren dagegen im Schnitt bereits nach knapp
55 Minuten. Bei dieser Methode geht es allerdings nicht um die
Totalausschaltung der für die Organabstoßung zuständigen Gene.
Um
das Immunsystem von Affen - oder Menschen - erfolgreich
zu täuschen, werden von den Gentechnikern bestimmte Eiweißkörper
in einen Schweinefetus eingeschleust.
Der noch unreife Gastorganismus wird auf diese Weise schließlich
dazu gebracht, die ursprünglich artfremden Eiweißkörper selbst
zu produzieren. In dem Jungschwein wächst so - zumindest
aus rein immunologischer Sicht - ein Affen- oder Menschenherz
heran. Die zwangsläufige Folge der Charade: das Immunsystem des
Jungschweines ist nicht mehr in der Lage, das Affen- oder Menscheneiweiß
als artfremd zu erkennen und zu vernichten. Eine Abstoßungsreaktion
unterbleibt.
Wird das Schweineherz schließlich auf den Empfänger übertragen,
so wird es im Körper des Affen, bzw. Menschen, ebenfalls nicht
mehr als artfremd identifiziert. Die ansonsten immer drohende,
tödlich verlaufende Abwehrreaktion wird nicht ausgelöst.
Die ersten menschlichen Kandidaten für die noch an ein russisches
Roulette erinnernden Therapieversuche werden aller Voraussicht
nach Patienten sein, deren Chancen auf ein passendes Spenderherz
aufgrund extrem seltener Gewebefaktoren extrem schlecht sind.
John Wallwork, Leiter der Abteilung für Herztransplantationen
in Papworth, wies in Nature Medicine allerdings darauf
hin, dass vermutlich noch Jahre vergehen werden, bis den Patienten
routinemäßig genmanipulierte Schweineherzen als Alternative zu
Menschenherzen angeboten werden können. Trotzdem eröffnen
die neuen Entwicklungen endlich eine realistische Chance dafür,
dass Organtransplantationen auch in Zukunft noch finanzierbar
bleiben.
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