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DTC vor dem Durchbruch?

Patientenempowerment als Basis innovativer Pharmamarketingkonzepte -

Fred Harms, Marc Drüner, Life Sciences Management Institute Berlin

Fakt ist, dass sich von den 50 Präparaten mit dem größten Investment für DTC mehr als die Hälfte auf der Liste der Top-Selling-Products befindet. Dabei besteht eine direkte Beziehung zwischen den eingesetzten Mitteln und der Marktpenetration. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Intensität der Werbung häufig mit dem erzielten Umsatz korreliert. Laut NIHCM (National Institute of Health Care Management Foundation) werden für die Top-50-Produkte 95% des gesamten Budgets investiert, wobei die Positionen 1-15 mehr als 50% der Ressourcen verbrauchen. Interessant ist dabei, dass in der Regel nur medizinische Innovationen für chronische Indikationen beworben werden. In Anlehnung an die Liste der Top-50-Präparate der letzten 3 Jahre zielten nicht einmal 10% der Medikamente auf die Therapie akuter Erkrankungen ab. Allergien, Arthritis, Asthma, Depression, Herz-Kreislauf, Neuro-degenerativ-Erkrankungen und Sexuelle Funktionsstörungen bestimmen in mehr als 80% der Fälle das Bild pharmazeutischer Werbeinvestitionen.               

Consumers´ Health Report 2003

Werbebotschaften, die gezielt die Bedürfnisse der Patienten ansprechen, werden zur Core-Kompetenz der strategischen Marketingplanung. Obwohl der Einfluss der Medien zur Positionierung innovativer Therapiekonzepte kontinuierlich zunimmt, ist das Gespräch innerhalb der Familie bzw. die Diskussion mit Freunden bei 60-80% der Patienten immer noch der entscheidende Faktor zur Initiierung des Arzt-Patienten-Gespräches. Allerdings verändert sich diese klassische Kaskade der direkten Meinungsbildung zunehmend. Nach neusten Untersuchungen durch Weissman Web Exclusive, Project Hope - People to People Health Foundation, eine in Zusammenarbeit mit der Harvard University / Massachusetts General Hospital und Harris Interactive bei ca. 1500 Erwachsenen durchgeführten Befragung werden 40% der Patienten durch Rundfunk und Fernsehen, 35% durch Printwerbung bzw. 30% durch das Arztgespräch in ihrer Entscheidungsfindung beeinflusst. Interessant ist, dass die Pharmazeuten als Medikamentenspezialisten mit nicht einmal 20% eine zunehmend untergeordnete Rolle spielen. Falls diese Erhebungen - von denen derzeit die Experten ausgehen - den Status der Meinungsbildung im Jahre 2003 reflektieren, dann ist der Einfluss der Medien auf die Meinungsbildung der Patienten genauso wichtig, wie das über Jahre aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.          

Interessant ist, dass von den Befragten 85% eine DTC-Kampagne innerhalb der letzten 12 Monate bewusst im Radio gehört oder in der Regel im Fernsehen gesehen hatten. Als Reaktion auf diese Werbebotschaft haben 30% eine Diskussion mit ihrem Arzt über die Verschreibung eines innovativen Therapiekonzeptes bzw. über die Möglichkeit eines Wechsels zu einem entsprechenden Medikament gesucht. Entscheidend ist dabei, dass DTC selektiv wahrgenommen wird, da bei der Hälfte der Patienten die Erkrankung innerhalb der letzten 6 Monate diagnostiziert wurde. Am häufigsten wurden die Ärzte auf folgende Indikationen angesprochen: Allergien (13%), Arthritis (10%), Herz-Kreislauf und Diabetes (7%) bzw. Asthma (5%). Bemerkt wurde dabei, dass nicht nur Patienten mit einer entsprechenden Erkrankung ihren Arzt aufgesucht haben, sondern auch die Anzahl bisher nicht diagnostizierter Risikopatienten zunahm. Das bedeutet, dass angeregt durch DTC bestimmte Personengruppen gezielt das Gespräch mit einem Arzt suchen. Vor allem bei Herz-Kreislauferkrankungen (13%), Allergien (9%), gastrointestinalen Beschwerden (8%), Arthritis (6%), Diabetes und Depression (5%) wurden wichtige Therapien eingeleitet. Von besonderem Interesse ist dabei, dass 45% dieser Patienten zur Gruppe der Hochrisiko-Patienten gehörten. Somit wurde das Vorurteil widerlegt, dass durch DTC vor allem Gesunde das Arztgespräch suchen, die Praxen belagern, teure Medikamente fordern und mittelfristig die Kosten erhöhen. Die Studie hat gezeigt, das nur jeder 5 (19%) keiner ärztlichen Unterstützung bedurfte Somit bestätigen diese Ergebnisse die seit einigen Jahren von verschiedenen Experten geäußerte Vermutung, dass DTC präventiv wirkt und einen konstruktiven Beitrag zur Finanzierung unseres Gesundheitssystems leistet.

Aber nicht nur das medizinische Fachpersonal, sondern auch die Patienten stehen DTC zunehmend positiv gegenüber. Von Seiten der Betroffenen wurde bemerkt, dass 95% das Gefühl hatten, eine durch DTC beim Arzt initiierte positive Reaktion erfahren zu haben. Somit verbessert  DTC das Patienten-Arzt-Verhältnis. Interessant ist, dass 80% der Betroffenen mit einer durch DTC initiierten Verschreibung ein besseres Verständnis für die Notwendigkeit der vom Arzt vorgegebenen Form der Einnahme angaben und die Neigung zum Absetzen des Medikamentes abnahm. Das belegt die Vermutung, dass DTC die Compliance positiv beeinflusst. 

Und was sagt die FDA?

In Anlehnung an die Schätzungen der pharmazeutischen Industrie werden im Jahre 2003 ungefähr 20 Milliarden $US für Werbemaßnahmen investiert, davon alleine 2.8 Mrd. $US für DTC. Im Vergleich zu Forschung und Entwicklung (F&E) mit einem relativ konstanten Investitionsvolumen von 30-35 Mrd. $US, nehmen die Investitionen für die Werbung kontinuierlich zu. In der Zeit von 1997-2003 hat sich alleine das Budget für DTC um 150% erhöht.  

Die derzeitige Meinung der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) zum Thema DTC wurde in den letzten Monaten durch zwei große Untersuchungen eindeutig dargelegt. Zum einen gibt der - GAO-Report 03-177 des United Staates General Accounting Office for Congressional Requesters mit dem Titel: Prescription Drugs - FDA Oversight of Direct-to-Consumer Advertising  has Limitations - vom 28. Oktober 2002 einen genauen Überblick über alle Aktivitäten. Zum anderen wurde durch Kathryn J. Aikin am 21. Februar 2003 in ihrem - FDA´s Physician Survey on DTC Rx Drug Ads shows Health Benefits -, bei dem 500 Ärzte auf ihre Einstellung in Bezug auf DTC befragt wurden, der Status Quo dezidiert dargestellt. Bei dieser Untersuchung wurden anhand des American Medical Association Masterfile eine repräsentative Auswahl an 250 Allgemeinmedizinern und 250 Spezialisten durch die Division of Drug Marketing, Advertising and Communications (CDER) ausgewählt.

GAO-03-177: FDA Oversight of Direct-to-Consumer Advertising

Beim ersten Bericht hat die Division of Drug Marketing, Advertising and Communications (DDMAC) als Teilbereich des FDA Centers for Drug Evaluation and Research (CDER) noch einmal die Regularien zur Durchführung von DTC definiert. Das bedeutet, dass in Anlehnung an die erste Version vom August 1997 mit dem Namen - Sources 21 C.F.R. § 202; FDA Guidance for Industry: Consumer-directed Broadcast Advertisements - alle Werbemaßnahmen, wenn diese das erste mal geschaltet werden, der FDA vorgelegt werden müssen, außer es handelt sich um Help-Seeking-Advertisements, bei denen eine Erkrankung (Disease-Awareness) und nicht ein Medikament im Mittelpunkt des Interesses steht. In Anlehnung an diese Verordnung wurde sowohl für die Print-, als auch für die Radio- und Fernsehwerbung ein Verhaltenskodex festgelegt. Dabei müssen alle Werbeaussagen der Wahrheit entsprechen und ausgewogen dargestellt sein. Somit werden keine irreführenden oder nicht eindeutig nachvollziehbaren Informationen weitergegeben. Wichtig ist, dass nicht nur die Wirkung des Medikaments angesprochen wird, sondern auch die Nebenwirkungen dargestellt werden. Außerdem dürfen Angaben für die Generierung weiterer Information - z.B. über eine kostenlose Telefonnummer - nicht fehlen. Dabei hält sich die FDA das Recht vor Verstöße zu ahnden oder einzelne Werbeaussagen ganz zu verbieten.

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass sich die Anzahl der durch die FDA ausgesprochenen Verwarnungen kontinuierlich verringert. In der Zeit vom August 1997 bis August 2002 wurden nur 88 der so genannten Regulatory Letters for Violative DTC Advertisements verschickt (44xRundfunk/Fernsehen, 35xPrint, 9xRundfunk/Fernsehen und Print). Was diese Regulatory Letters betrifft, so werden derzeit zwei Formen unterschieden. Zum einen existieren die Untitled- zum anderen die Warning-Letters. Untitled-Letters werden lanciert, wenn das pharmazeutische Unternehmen entweder die Wirkung ihres Medikamentes unsachgemäß darstellt, das Verhältnis zwischen Wirkung und Nebenwirkung über- bzw. untertreibt oder eine Indikation beschreibt, die nicht durch eine Zulassung gedeckt ist. Warning-Letters kommen zum Einsatz, wenn Informationen penetriert werden, die eine Gefahr oder eine „bewusste“ Täuschung der Konsumenten in Kauf nehmen. Reagieren dabei die angesprochenen Hersteller nicht innerhalb von 14 Tagen in Form einer schriftlichen Stellungnahme zur Lösung des Sachverhaltes, behält sich die FDA weitere rechtliche Schritte vor. Innerhalb der letzten 5 Jahre kam es nur bei 5% der geschalteten Werbebotschaften zu Beanstandungen. 95% der Schreiben wurden auf Grund geringfügiger Anmerkungen versendet und nur vier (3x Rundfunk/Fernsehen, 1x Print) wegen übertriebener, unsachgemäßer oder medizinisch falscher Behauptungen kritisch angemahnt. Diese positive Tendenz ist ein Zeichen dafür, dass sich die Qualität der DTC-Konzepte kontinuierlich verbessert und die Akzeptanz von Seiten der amerikanischen Zulassungsbehörde zunimmt.

FDA´s Physician Survey on DTC Rx Drug Ads shows Health Benefits

Im Gegensatz zum ersten Report, der die Tendenzen in Bezug auf DTC beschreibt, wurde in der zweiten Untersuchung die Wirkung dieser Werbekonzepte auf die Ärzte dargestellt. Diese durch Dr. Aikin durchgeführte Untersuchung brachte folgende Ergebnisse:

  • 92% der Ärzte sagen, dass sie durch DTC nicht dazu gezwungen werden etwas zu verschreiben, was sie nicht verschreiben möchten
  • 88% der Patienten, die einen Arzt auf ein bestimmtes Medikament ansprechen, leiden entweder an der Erkrankung, für die das Medikament indiziert ist oder sind noch nicht diagnostizierte Risikopatienten
  • 82% der Mediziner gehen davon aus, dass die Patienten genau wissen, wann sie einen Arzt aufsuchen sollten. Außerdem sind sie der Meinung, dass den Patienten bewusst ist, dass nur der Arzt die Befähigung zur Initiierung einer therapeutisch relevanten Option besitzt
  • 80% der Ärzte glauben, dass die Patienten in Form einer selektiven Differenzierung in der Lage sind zu beurteilen, ob ein beworbenes Medikament eine therapeutische Option darstellt
  • 75% der Ärzte vertreten die Auffassung, dass durch eine publikumswirksame Ansprache, die durch die Patienten datierte Wirksamkeit in Form eines medialen Placeboeffektes zunimmt   
  • 72% der Ärzte sind der Meinung, dass durch DTC ein besseres Bewusstsein für die Notwendigkeit des Einsatz der verordneten Medikamente entsteht
  • 58% der Mediziner sagen, dass angeregt durch DTC die Patienten eine aktivere Rolle bei der Bewältigung ihrer Erkrankung einnehmen
  • Zusammenfassend wurde bemerkt, dass DTC das Verständnis zwischen Arzt und Patient bzw. Patient und Erkrankung positiv beeinflusst. 

   

 

 

    

 

   

 

   

 

Perspektiven in Europa

Zur Zeit sind Werbemaßnahmen für verschreibungspflichtige Medikamente laut der europäischen Direktive 92 / 28 / EEC vom 31. März 1992 verboten. Dabei wird explizit jegliche Form der Werbung untersagt, bei der der Name eines Medikamentes genannt wird. Patrick Deboyser, Chef der europäischen Kommission für pharmazeutische Belange (Head of the EC Commission´s Pharmaceutical Committee) sah das strikte Verbot bereits 1999 als möglicherweise überholt an, da seiner Meinung nach die Patienten ein Recht auf mehr Informationen über den gezielten Einsatz verschreibungspflichtiger Medikamente hätten. Im Hinblick auf diese Position ist die Entscheidung des Europäisches Parlaments vom 23.10.2002  in Straßburg schwer nachzuvollziehen, dass die Abgeordneten des EU-Parlaments es der pharmazeutischen Industrie verbieten, testweise für 3 Jahre Informationen über Arzneimittel gegen AIDS, Diabetes und Asthma direkt an Patienten zu geben. Wenn man bedenkt, dass bis zu 80% dieser Patienten das Internet regelmäßig direkt oder indirekt nutzen, dann wird jedem Betrachter sofort klar, dass diese Form der europäischen Informationspolitik nicht, wie so gerne angemerkt,  die Bedürfnisse der Patienten reflektiert. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass 70-90% der chronisch Kranken keine Ahnung von den Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente haben, die sie täglich konsumieren sollten. Somit schein es niemanden zu verwundern, dass nur 25% der Patienten das tun, was Ärzte und Apotheker ihnen raten.

Da Compliance etwas mit Überzeugung zu tun hat, diese allerdings mit breit verfügbaren Informationen beginnt, wirkt es in Anbetracht der desolaten Finanzen unserer europäischen Gesundheitssysteme ein wenig grotesk an, das unsere Gesundheitspolitiker etwas ablehnen, was scheinbar auch in Europa dazu beitragen könnte, die Folgekosten der geringen Compliance in Höhe von mehr als 30 Mrd. Euro über ein mehr an Information zu senken. In Anlehnung an die WHO und deren Bild vom selbstbestimmten Patienten sollte die Politik die Bevölkerung über ihre Informationsbevormundung nicht weiter davon abhalten, das allgemeine Informationsbedürfnis zu decken, vor allem dann nicht, wenn DTC-Kampagnen in enger Zusammenarbeit mit Ärzten und Apothekern erstellt wurden, denn eins hat uns das Jahr 2003 bisher eindeutig bewiesen: DTC wird nicht nur von Ärzten, Patienten und Zulassungsbehörden akzeptiert, sondern zunehmend propagiert.

Adresse:

Dr. Dr. Fred Harms

Ass. Prof.

Life Sciences Management Institute                                                                 

Linienstr. 155

10115 Berlin

Mail: fred.harms@td-berlin.com

Fon:  030-2787-600 oder 6014

Mob: 0170-430-4113                                                               

 

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