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Fred Harms , Marc Drüner
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Mit
Schwung in die Zukunft?
Die
in den letzten 10 Jahren zugelassenen Medikamente wurden
zu einer Zeit konzipiert, als sich das Gesundheitssystem
noch nicht dem massiven Kostendruck ausgesetzt sah. Aus
diesem Grund hat die pharmazeutische Industrie zum Teil
unter großem finanziellem Aufwand therapeutische „Flops“
entwickelt, die in einem kundenadaptierten Markt die zeitgemäßen
Bedürfnisse nur bedingt befriedigen. Erschwerend kommt hinzu,
dass ein nicht unerheblicher Teil dieser pharmazeutischen
Marginalinnovationen keinen medizinisch relevanten Vorteil
gegenüber den bereits vorhandenen Medikamenten generieren.
Neben
den Problemen der Positionierung und Penetrierung neuer
Therapiekonzepte und der eingeschränkten Möglichkeit, für
die bereits im Markt befindlichen Präparate Preiserhöhungen
durchzusetzen, sind es vor allem die auslaufenden Schutzfristen
vieler umsatzstarker Medikamente, die die Margen des ethischen
Geschäfts in den nächsten Jahren deutlich verringern.
Zwar sind kleinere Gewinnspannen noch keine Katastrophe,
allerdings verdeutlichen sie zwei wichtige Tatsachen:
Die wirklich drastischen Kosteneinsparungen zur Konsolidierung der westlichen
Gesundheitssysteme werden erst noch erfolgen.
Die
herkömmlichen Möglichkeiten zur Kostenreduktion haben sich
langsam aber sicher erschöpft und alle einfachen Kostensenkungsmaßnahmen
sind bereits durchgeführt. Somit gilt es jetzt, die Kostenstruktur
sämtlicher Bereiche der medizinischen Versorgung zu optimieren,
ggf. Teilbereiche zu reduzieren.
Die
Finanzmärkte werden dem Pharmamarkt eine neue Disziplin
auferlegen. Die jahrzehntelange Quasi-Immunität der pharmazeutischen
Industrie gegen konjunkturell bedingte Schwankungen ist
nur noch Geschichte. Obwohl sich einige Pharmafirmen zu
Beginn des neuen Jahrtausends auf einem Höhenflug befinden,
könnte die Freude nur von kurzer Dauer sein.
Mit
der allmählichen Angleichung der Gewinnmargen an die anderer
Industriezweige, verlieren die Unternehmen einen großen
Teil ihres Anreizes für Investoren. Aus diesem Grund wird
das gesamte Leistungsbild des Unternehmens immer wichtiger.
Somit avanciert das Vertrauen des Marktes und die frühzeitige
Einbindung der verschiedenen Institutionen unseres Gesundheitssystems
in die strategische Konzeption zum entscheidenden Kriterium
der allgemeinen Zukunftssicherung.
Ohne
eine frühzeitige Einbindung des Marktes in die strategische
Marketingplanung wird die alleinige Sicherung des Unternehmenserfolgs
durch neue Medikamente immer schwieriger. Blindes Vertrauen
auf Produktinnovationen ist in einem kundenbestimmten Markt
gefährlich. Noch vor 10 Jahren war die Nachfrage nach Innovationen
unersättlich und die Kunden pharmakologisch unbedarft. Aus
diesem Grund wurden bis zu 20% des Umsatzes für die Erforschung
innovativer Therapiekonzepte investiert. In der Vergangenheit
wurde dieser Aufwand mehr als belohnt, da neu am Markt positionierte
Medikamente beeindruckende Gewinne erzielten.
Zwar
liegen auf dem Gebiet der innovativen Forschungs- und Entwicklungsarbeit
immer noch die größten Chancen zur Umsatzsteigerung, allerdings
hat das Marketing immer größere Probleme, innovative Präparate
gleicher Wirkstoffklassen oder ähnlicher Indikationsgruppen
von einander abzugrenzen. Informationen über die Veränderungen
und Zusammenhänge des Gesundheitssystems werden wichtiger.
Dennoch
wird das strategische Denken der meisten Firmen nach wie
vor von prall gefüllten Pipelines, hohen F&E-Aufwendungen
und stattlichen Außendienstgrößen geprägt. Zwar werden diese
Faktoren auch in den nächsten 10 Jahren entscheidend zum
Erfolg des Unternehmens beitragen, trotzdem werden bei der
Beurteilung zukunftssichernder Core-Kompetenzen organisatorische
Flexibilität, Anpassungsfähigkeit, aktive Kundenbindung,
innovative Marketingkonzepte und fundierte Kenntnisse aus
dem IT-Bereich zunehmend wichtiger.
Kostenintensive
F&E-Infrastrukturen, Außendienste mit teilweise geringer
Produktivität und nicht am Kunden orientierte Marketingkonzepte
werden zunehmend zum Stolperstein des Markterfolges. Die
meisten Arzneimittel sind austauschbar. 80% der F&E-Aufwendungen
bringen nur marginale Verbesserungen. Von den 250 wichtigsten
Medikamenten, das sind 90% des gesamten Arzneimittelbedarfs
der westlichen Welt, sind 75% als Generika erhältlich. Für
innovative Medikamente wird es immer schwieriger, die kostengünstigen
Alternativpräparate vom Markt zu verdrängen. In zunehmendem
Maße müssen sich Produktinnovationen gegen einen seine Pfründe
erbittert verteidigenden Generikawettbewerb durchsetzen.
Diese schwierige Lage wird dadurch verschärft, dass zwischen
1997 und 2002 die Schutzfristen für Pharmapatente im Gesamtwert
von US$ 19 Mrd. ausgelaufen sind, und zwischen 2003-2005
Arzneimittel im Wert von US$ 26 Mrd. ihren Patentschutz
verlieren werden.
Der
Innovationsdruck war noch nie so hoch
Innovationen bilden die Grundlage
erfolgreicher Unternehmen. Dauerhaftes Wachstum und Beschäftigung
können nur entstehen, wenn es den Unternehmen gelingt, immer
neue Produkte und Dienstleistungen anzubieten, die den Anforderungen
der Märkte auf bestmögliche Weise gerecht werden. Im Mittelpunkt
der klinischen Entwicklung stehen die Volkskrankheiten.
Für das Gebiet der Onkologie, der Neurologie und der Herz-Kreislauf-Erkrankungen
wurden 2002 mehr als 3.000 Forschungsprojekte initiiert.
Alleine in Deutschland befinden sich derzeit mehr als 150
Arzneistoffe in der klinischen Phase III oder im Zulassungsprozess.
Damit die Produkte mit den gestiegenen individuellen und
gesellschaftlichen Anforderungen Schritt halten, haben die
Pharmaunternehmen ihre Gesamtausgaben für Forschungs- und
Entwicklungstätigkeiten (F&E) seit Mitte der 80er Jahre
kontinuierlich von 10 Milliarden US-$ auf mehr als 45 Milliarden
US-$ im Jahre 2002 erhöht. Gleichzeitig hat sich die Zeitspanne
von der Synthese bis zur Zulassung eines neuen Medikaments
innerhalb der letzten 30 Jahre von zwei auf zwölf Jahre
verlängert. Innerhalb dieses Prozesses wird statistisch
nur eine von 5000 anfänglich untersuchten Substanzen zugelassen.
Derzeit belaufen sich die Entwicklungskosten von Pharma-Innovationen
auf mindestens 500 Mill. US-$, bei jährlichen Steigerungsraten
von 7,5%.In den nächsten Jahren wird sich das Marketing
pharmazeutischer Produkte grundlegend verändern. Der Verdrängungswettbewerb
und die Emanzipation der Kunden nehmen zu, die F&E-Kosten
zur Entwicklung innovativer Medikamente steigen und das
Zeitfenster zur alleinigen Vermarktung verringert sich kontinuierlich.
In einer Zeit der abnehmenden Produktdifferenzierung ist
der Schlüssel zum Erfolg mit der Annäherung der Unternehmen
an deren Kunden verbunden. Das Marketing medizinischer Innovationen
wird nur dann erfolgreich sein, wenn der direkte Kontakt
mit den verschiedenen Institutionen innerhalb des sich ändernden
Gesundheitssystems gesucht wird. Von Bedeutung ist dabei
der Aufbau eines partnerschaftlichen Verhältnisses zu den
verschiedenen Meinungsbildnern innerhalb des Pharmamarktes.
Mit den sich verschärfenden
Randbedingungen erfordert der Verkauf innovativer Medikamente
ein Umdenken bei der Vermarktung. Die zunehmende Komplexität
benötigt eine Adaptation an die sich ändernden gesellschaftspolitischen
Bedingungen. Falls das sich verändernde Umfeld nicht als
ganzheitlicher Kommunikationsprozess Eingang in die Marketingstrategie
findet, werden wichtige Chancen für die Zukunft vergeben.
Somit werden die Firmen, die den konventionellen Weg weitergehen
möglicherweise überleben, aber nur die, die sich den neuen
Herausforderungen stellen, langfristig erfolgreich sein.
- Beispiel RU 486
Die
Einführung der Abtreibungspille Mifegyne - auch bekannt
unter dem Namen RU 486 - wurde auf dem deutschen Markt von
kontroversen Diskussionen begleitet. Während die international
anerkannte und als besonders schonend geltende Methode vielerorts
auf breite Zustimmung traf, regte sich besonders in Kirchenkreisen
teilweise erbitterter Protest. Zahlreiche Kompromisse waren
notwendig, um die Zulassung überhaupt zu ermöglichen. Diese
führten jedoch dazu, dass sich die Methode des medikamentösen
Schwangerschaftsabbruchs bis jetzt noch nicht in Deutschland
durchsetzen konnte. Lediglich in ca. 5 Prozent aller Fälle
findet die Pille ihre Anwendung. Im Gegensatz dazu, wird
in Frankreich und Schweden fast jeder dritte Eingriff auf
diese Weise vorgenommen.
Dieses
Beispiel macht deutlich, dass der Erfolg eines pharmazeutischen
Produktes nicht nur von seiner Wirksamkeit abhängt, sondern
vielmehr von einer großen Anzahl externer Faktoren bestimmt
wird. Entsprechend generieren nur 3 von 10 neuen Präparaten
die erwarteten Einnahmen. Gerade wegen des großen Gewinneinflusses
innovativer Medikamente - 50 Prozent des Umsatzes pharmazeutischer
Unternehmen wird durch Präparate erzielt, die vor einer
Dekade noch nicht zugelassen waren - gewinnt die frühzeitige
Ausrichtung von Neuentwicklungen an den Bedürfnissen aller
Beteiligten des Gesundheitsmarktes eine immer größere Bedeutung.
Adresse:
Fred
Harms
MD PhD
TU-Berlin
Fredharms@bluewin.ch
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